Resumés der Tagung

Teil 1 – Die Schweizer Medien: Szenario für morgen?

Jakub Samochowiec (Gottlieb Duttweiler Institut, Autor der Publikation Öffentlichkeit 4.0)

Patrick-Yves Badillo (Professor Uni Genf, Leiter [email protected])


Zusammenfassung

1)

Samuchowiec legte den Akzent auf die Wichtigkeit der NutzerInnen in der gegenwärtigen Medienentwicklung. Er beruft sich damit auf seine von der SRG SSR in Auftrag gegebene Studie “Öffentlichkeit 4.0 – die Zukunft der SRG im digitalen Zeitalter” (Karin Frick, Jakub Samuchowiec, Detlef Gürtler; GDI 2016). Die Studie präsentiert verschiedene Ansätze, wie sich die SRG SSR , ausgehend von einer Kooperation mit privaten Akteuren und Nutzern, gegen äussere Angriffe verteidigen kann. Das Grundschema sieht im Rahmen des SRG SSR Angebotes verschiedene Formen von internen und externen Beiträgen vor. Eines der vorgestellten Modelle sieht z.B. vor, die SRG SSR Archive all denen zur Verfügung zu stellen, die damit neuen Content generieren wollen. Die SRG SSR hat diese Vorschläge zur Kenntnis genommen und arbeitet fortlaufend daran, neue Entwicklungen zu identifizieren.


2)

Patrick-Yves Badillo, Autor der kürzlich erschienen Studie “Médias publics et société numérique - L’heure du grand débat” (‘Öffentliche Medien und digitale Gesellschaft – Stunde der Debatte’, Slatkine 2016; in Zusammenarbeit mit Dominique Bourgeois, Ingrid Deltenre und Gilles Marchand) erläuterte mit aktuellen Fakten den Zustand der globalen digitalen Entwicklung und des Schweizerischen Medienmarktes. Dabei fiel auf, dass es v.a. die Internetplattformen sind, allen voran die internationalen Giganten, welche seit 2009 am meisten Presseeinnahmen generieren. Diese Tendenz scheint sich weiterhin zu verstärken. Die Eroberung des digitalen Marktes auf nationalem Niveau muss deshalb zur Priorität werden. “Zeitungs-” und “Rundfunk-Häuser” müssen ein gemeinsames Gleichgewicht finden, statt sich gegenseitig zu bekämpfen, damit sich gegenüber dem Schweizer Publikum behaupten können: mittels redaktionellen Qualitätsprojekten aus der Schweiz, die in der Lage sind, die Vielfalt und Teilhabe der Bürgerinnen zu garantieren. 

Teil 2 – Nur kommerzielles Radio und Fernsehen in der Schweiz?

Roger de Weck (Generaldirektor SRG SSR)


Zusammenfassung

Im Dialog mit Filmemacherin Irene Loebell sieht SRG Generaldirektor Roger de Weck den medialen Service Public als den besten Garanten journalistischer Qualität. Gleichzeitig soll sich der Service Public aber an ein grösstmögliches Publikum richten und nicht nur dem Reportagen- und Kommentarbedürfnis einer kulturellen Elite genügen. Denn der mediale Service Public hat zur Aufgabe, breite Teile der Bevölkerung zu erreichen, die sich sonst den grossen ausländischen Fernsehsendern zuwenden. Damit befindet er sich in einer erbitterten Konkurrenzsituation, der die private Verleger weitaus weniger ausgesetzt sind – auch wenn sie dies in ihrem Vorwurf an die ‚Privilegiertheit’ der SRG SSR gerne ausblenden.

Die berühmte „Wettbewerbsverzerrung“ ist lediglich eine polemische Erfindung. Durch die Gebühreneinnahmen müssen nämlich qualitativ hochstehende Programme umgesetzt werden, die sich in ständigem Wettbewerb gegen die Non-Stopp Angebote ausländischer Sender befinden, von denen die meisten über Mittel verfügen, von denen der helvetische Service Public nur träumen kann. Dazu kommt, dass der öffentliche Rundfunk in der Schweiz seine Sendungen nicht nur einer sondern in 3 (bzw. 4) verschiedenen Sprachen produziert, die sich ihrerseits gegen eine internationale Konkurrenz mit weit grösseren Unterhaltungsressourcen behaupten müssen.

Die SRG SSR bewegt sich also auf extrem harten Terrain. Mit dem Ziel, sich die kommerziellen Seiten ihres Mandat einzuverleiben, stilisieren die Gegner des Service Public zur Zeit die „Subsidiarität“ hoch. Das Subsidiaritätsprinzip würde die SRG SSR innert kürzester Zeit zu einem unbedeutenden Nischenprodukt machen und auf das Niveau der marginalen öffentlichen Fernsehstationen in den USA reduzieren. Dass davon die sehr einseitige Definition von Medienobjektivität gewisser politische Lager profitiert, ist offensichtlich.

De Weck erinnerte auch an seine jahrelangen Bemühungen um eine Zusammenarbeit mit den privaten elektronischen und Print-Medien, welche sowohl den Austausch von Content mit Lokalfernsehsendern oder Tageszeitungen beabsichtigten (dies hat zumindest in der Welschschweiz einen gewissen Erfolg erzielt) als auch die Entwicklung neuartiger Kooperationsformen im Werbebereich.

De Weck erwähnt an dieser Stelle ausdrücklich, dass die gemeinsam mit Privatverleger Ringier und der Swisscom gegründete Admeira zusätzlichen privaten Partnern auch auf Aktionärsebene offenstehen wird. Eine derartige Zusammenarbeit ermöglicht die Anwendung von ‚Big Data‘-Methoden auf dem Schweizer Markt und verfolgt das Ziel, Werberessourcen im Land zu halten und zu verhindern, dass diese weiterhin zu globalen Plattformen und Medienkonzernen abwandern.

Fazit ist, dass keiner der Akteure im Alleingang auf dem Markt überleben wird. Die einzige Hoffnung liegt deshalb im kollektiven Widerstand sämtlicher Landesmedien. De Weck begrüsst die Bemühungen von medien für alle, die Akteure im Kampf zur Verteidigung von Service Public, Qualitätsjournalismus und Medienvielfalt und zur Wahrung der pluralistischen, multiethnischen Demokratie unseres Landes zu vereinen.

Teil 3 – Die private Presse - aus dem Gleichgewicht?

Daniel Pillard (Geschäftsführer Ringier Romandie)

Christoph Zimmer (Leiter Kommunikation bei Tamedia)

Axel Wüstmann (CEO AZ Medien)


Zusammenfassung

Das Verleger-Podium vereinte Vertreter von Ringier (Daniel Pillard), Tamedia (Christoph Zimmer) und AZ Medien (Axel Wüstmann). Hauptthema: Wie können die privaten (Markt)Medien angesichts von Stellenabbau und Einbruch der traditionellen Geschäftsmodelle (Einbruch bei Print-Anzeigen) die gesellschaftlich notwenigen publizistischen Leistungen garantieren? Drei Fragen wurden diskutiert: Können die Verlage tatsächlich Stellen abbauen und gleichzeitig mehr Leistung bieten? Die Verleger machen geltend, dass neue Technologien einen Teil der Arbeit vereinfachen würden. Es bleibt die Frage, ob der Abbau nicht dennoch Grenzen habe und ob nicht auch die Anforderungen gestiegen seien. Dann die Frage, wieweit der Markt die notwendigen publizistischen Leistungen noch ohne öffentliche Hilfe (Medienförderung) garantieren könne. Und Das müsse möglich sein, so die Verleger. Es stellt sich aber die Frage, welche Renditevorgaben erwartet werden könnten – da zeigen sich zwischen den Verlagshäusern Unterschiede. Und ebenfalls bei der Frage, wieweit die verschiedenen Geschäftsfelder der Verlagsunternehmen das publizistische Geschäft querfinanzieren soll. Auch bei der Frage, welche Geschäfte neben der Publizistik von den Verlagshäusern betrieben werden sollen, zeigen sich Unterschiede. In der Diskussion fällt auch die Aussage, eine (höhere) öffentliche Förderung sei als ultima ratio denkbar. Schliesslich diskutiert das Podium, ob eine Beschränkung oder gar Abschaffung der SRG den Verlagshäusern angesichts der Konkurrenz von globalen Anbietern und „Vermittlern“ (wie upc usw.) überhaupt etwas bringen würde. Man sei keineswegs gegen die SRG, so die Verleger. Aber die SRG sei zu gross geworden und sollte gewisse Tätigkeiten den Privaten überlassen. Der Ringier-Vertreter sprach sich für vermehrte Kooperationen mit der SRG aus.

Teil 4 – Die Schweizer Demokratie ohne Qualitätsmedien?

Otfried Jarren (Präsident Eidgenössische Medienkomission EMEK)


Zusammenfassung

Otfried Jarren beschreibt die Auswirkungen der digitalen Migration traditioneller Medien auf die politische Regulierung. Dies ist besonders dort ersichtlich, wo Verkäufe und Abos zurückgehen und Medien sich untereinander um Werberessourcen streiten, während diese zu anderen Trägern abwandern (e.g. Werbefenster im ausländischen Fernsehen oder Internetplattformen). Die mediale Landschaft wird zu einem wachsenden Dickicht an öffentlich-rechtlichen Aufträgen und privaten Vereinbarungen. Einige dieser Dienstleistungen sind von hohem emotionalem Wert für die Bevölkerung. Vieles hat schwerwiegende und schwer messbare Konsequenzen für die Demokratie des Landes, nicht zuletzt einen bedauerlichen Rückgang an journalistischem Angebot sowohl in Auswahl als auch in Qualität. Es ist jedoch nicht die Aufgabe der eidgenössische Medienkommission (EMEK, fr. COFEM), das Dickicht der Schweizer Medienlandschaft zu reglementieren, sondern die Entwicklungen zu beobachten und zu verstehen. Ihre Funktion gegenüber der Regierung ist somit rein beratender Natur. Jarren hebt hervor, dass es gerade auf juristischer Seite grosse Leerstellen gibt. So sind zum Beispiel die neuen Anbieter von digitalen Inhalten nicht dem Radio- und Fernsehgesetz unterstellt. Die staatliche Unterstützung der Medien ist abgesehen von den Gebühren für die SRG und konzessionierte Regionalanbieter sehr bescheiden und beschränkt sich auf Presseagenturen, Bildungssubvention, vergünstigte Posttarife und reduzierte Mehrwertsteuer.

Die Medienkommission unterstreicht die Wichtigkeit der Medien für die Demokratie. Es ist wichtig, sie zu erhalten, denn sie sorgen für soziale Kohäsion und den Zusammenhalt der verschiedenen sprachlichen und kulturellen Landesteilen. Die Unterstützung und der Erhalt eines unabhängigen Qualitätsjournalismus, einerseits gegenüber Staat und Privatwirtschaft, andererseits angesichts der digitalen Bedrohung, hat für die EMEK/COFEM Priorität. Leider haben sowohl Regierung als auch Berufsstand die von der Kommission vorgeschlagene und auf dem Modell der Wissenschaftsföderung beruhende Stiftung abgelehnt. Man wird sich also vielleicht zunächst einmal auf einen besseren Schutz der journalistischen Autorenrechte konzentrieren müssen.  

Abschliessend greift Frédéric Gonseth die vom Bund verworfene Idee einer eidgenössischen Stiftung in anderer Form wieder auf, und präsentiert ein vom Staat komplett unabhängiges und vom Berufsstand selbst getragenes Stiftungsmodell. Alimentiert würde diese Art von Stiftung einerseits durch eidgenössischen Subventionen, andererseits durch die Besteuerung von Werbefenstern, digitalen Plattformen und Kanälen, den Verkauf von Artikeln an Verleger, durch Crowdfunding etc.

Als „Medienpakt“, analog zum „Pacte audiovisuel“ den die SRG SSR vor 20 Jahren mit den audiovisuellen Branche geschlossen hat, könnten JournalistInnen so ihre Ideen für Artikel, Recherchen oder Reportagen einer Körperschaft aus JournalistInnen und Delegierten des Berufsstands unterbreiten. Dieses Gremium würde regelmässig die benötigten finanziellen Mittel zur Verwirklichung journalistischer Projekte sprechen. Die so entstehenden Arbeiten stünden dann in einer Art permanenten Börse zum Verkauf. Basierend auf einer progressiven, von den jeweiligen Umsatzzahlen abhängigen Gebührenskala könnten die Verleger dort unabhängige, journalistische Produkte für einen Bruchteil der effektiven Produktionskosten erstehen.

Ein derartiger Medienpakt würde eine fortwährende journalistische Subventionierung erlauben, ohne den medialen Unabhängigkeitsstatus gegenüber Staat oder Privatwirtschaft zu gefährden. Journalistische Qualität und Unabhängigkeit würden so zur Priorität. Gleichzeitig ermöglichte es der Medienpakt, die privaten Verleger zu unterstützen, indem sie Artikel zu wesentlich tieferen Preisen erstehen könnten, ohne die Produktionskosten tragen zu müssen. Ein progressives Gebührensystem würde es allen ermöglichen, konkurrenzfähig zu bleiben, und die Artikel könnten auf diese Weise, je nach Qualität und Relevanz, in sämtlichen Landesteilen erscheinen. Zu einem den effektiven Produktionskosten entsprechenden Preis - oder mittels eines Auktionssystem, welches kleineren Verlegern den gleichberechtigten Zugang ermöglichen würde - könnten Artikel schliesslich auch exklusiv erworben werden. Eine Ausweitung des Modelles auf audiovisuelle Reportagen oder einen grösseren Einbezug der NutzerInnen (z.B. mittels Publikumsjury bei der Projektauswahl, durch Publikumsvorschläge für Artikel etc.) wäre problemlos denkbar.

Soweit eine weitere mögliche Idee zur Anregung der Debatte. Wir sind der Meinung, dass sich die Suche nach Lösungen zur Wahrung des Qualitätsjournalismus in der Schweiz an die audiovisuellen Medien und die gedruckte und digitale Presse in ihrer Gesamtheit richtet. Otfried Jarren, als Präsident der eidgenössischen Medienkommission kann sich vorstellen, dass so ein Medienpakt in die gewünschte Richtung ginge. 

Die Tagung - 14. November 2016, Solothurn

Nieder mit den Schweizer Medien? Alle Macht dem (Internet-) Markt?

Altes Spital Solothurn
Kultur & Kongresse
Oberer Winkel 2
4500 Solothurn


Programm

8.30 Uhr
Empfang


9.30-10.45 Uhr
Die Schweizer Medien: Szenario für morgen?
Moderation: Alberto Chollet, Journalist
Jakub Samochowiec GDI, Autor der Publikation Öffentlichkeit 4.0
Patrick Badillo, Medialab GE


Kaffeepause


11.00 – 12.15 Uhr
Nur kommerzielles Radio und Fernsehen in der Schweiz?
Moderation: Irène Loebell, Filmemacherin
Roger de Weck, SSR SRG 


Gemeinsames Mittagessen


13.30 – 15.00 Uhr
Die private Presse - aus dem Gleichgewicht?
Moderation: Philipp Cueni, Chefredaktor Edito
Daniel Pillard, Geschäftsführer Ringier Romandie
Christoph Zimmer, Leiter Unternehmenskommunikation Tamedia
Axel Wüstmann, CEO AZ Medien
Marcello Foa, CEO Corriere del Ticino-MediaTI


15.00 – 16.30 Uhr
Die Schweizer Demokratie ohne Qualitätsmedien?
Moderation: Frédéric Gonseth, Filmemacher
Otfried Jarren, Präsident Eidgenössische Medienkommission


16.30 - 17.00 Uhr
Zusammenfassung und abschliessende Diskussion

Die Teilnahme ist kostenlos (Mittagessen und Anfahrt mit öffentlichem Verkehr wird von den uns unterstützenden Vereinigungen offeriert). Anmeldung unter [email protected] Für d/f/d steht eine Simultanübersetzung zur Verfügung.

 

ANREISE

-       Zu Fuss in 10 Minuten vom Hauptbahnhof via Hauptbahnofstrasse/Unterer Winkel

-       Mit Bus ab Hauptbahnhof Richtung Amthausplatz (Nr. 1, 4, 5, 6, 7 und 9 bis Haltestelle Vorstadt)

-       Ab Autobahn A5 Ausfahrt Solothurn-West Richtung Solothurn Vorstadt via Bürenstrasse/

        Krummturmstrasse (s. Beschilderung)

-       Parkhaus Berntor benützen

-       Vor dem Hotel an der Aare ist eine reservierte Zone für den Gepäckumschlag vorhanden

-       Beschränkte Anzahl gebührenpflichtiger Parkplätze vor dem Alten Spital

-       Für Fahrräder besteht ein abschliessbarer Abstellplatz